Die historische Entwicklung der Firma Looks (und die Geschichte der "Sackhändler" in Berlin)
| 1900 - 1915 | 1902 hat der Bäckergeselle Paul Tietz eine Idee. Er erkannte als Bäcker den Wert von Brot- und Kuchenabfällen sowie von sogenanntem "Fußmehl" (zusammengekehrtes Mehl von Fußböden und Arbeitsflächen) als "Treibstoffe" für Fuhrunternehmen - sprich: Futter für Pferde. Paul Tietz erkannte auch den Wert der Mehlsäcke mit ihrem dichten, hochwertigen Gewebe. Er meldet ein Gewerbe als "Sackhändler" an und fährt ab 1902 mit Pferd und Wagen von Berlin - Mariendorf aus durch Stadt und Land, über Orte und Dörfer - vor allem südlich von Berlin. Er kauft von den Bäckern die Backabfälle und verkauft diese an die Berliner Fuhrleute. Die Mehl-Säcke werden - gereinigt und ggf. repariert - an Mühlenbetriebe zur Wieder - Verwendung verkauft. Die Idee von Paul Tietz hat großen Erfolg und beschert ihm bis 1914 einigen Wohlstand. Als begeisterter Anhänger des Kaisers gibt er jedoch sein (Goldmark-)Vermögen in eine Kriegsanleihe und verliert es so. |
| 1916 - 1940 | In den Mangel- und Hungerjahren während des ersten Weltkrieges und danach verliert Paul Tietz die Grundlage für sein Geschäft. Er eröffnet statt dessen einen Großhandel für Obst, Gemüse, Kartoffeln und Fouragen (Heu, Stroh etc.). Seine Haupt-Kunden hat er im Großmarkt am Alexanderplatz. Ende 1920 kauft Paul Tietz den ersten LKW. Nach den Depressionsjahren der Inflation entwickelt sich wieder der Sackhandel. Er boomt in den 30er Jahren. Die Bäckerei-Abfälle spielen nicht mehr die große Rolle wie vor dem 1. Weltkrieg, weil - vor allem in den Großstädten wie Berlin - die Pferde zunehmend durch den LKW verdrängt werden. 1936 stirbt Paul Tietz, und sein Sohn Karl übernimmt das Geschäft. Kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges gibt Karl Tietz bedingt durch die Wirtschaftspolitik des Nazi-Regimes das Geschäft auf, da die Endabnehmer der Säcke zumeist im damals nahezu eingestellten internationalen Handel tätig waren. |
| 1940 - 1949 | Gleich nach dem Krieg, noch 1945, eröffnet Karl Tietz wieder ein Gewerbe als Sackhändler. Durch Geschäfte mit den (westlichen) Besatzungsmächten und den Schwarzmarkt kommt er sehr gut durch die ansonsten "schlechte Zeit". 1946 tritt sein Neffe Heinz Looks, gerade aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, für kurze Zeit in das Geschäft ein. Ab 1947 absolviert Heinz Looks eine Lehre als Zimmermann und arbeitet u.a. beim damals weltberühmten Sechstagerennen im Berliner Sportpalast (Auf- und Abbau der Holz-Rennbahn). |
| 1951 | Karl Tietz ist nach wie vor Sackhändler, mittlerweile als Handelsvertreter für einen Sortier- und Verarbeitungsbetrieb. Heinz Looks ist zu dieser Zeit arbeitslos und arbeitet wiederum kurzzeitig bei seinem Onkel. |
| 1952 | Heinz Looks trennt sich von Karl Tietz und meldet ein eigenes Gewerbe an als Handelsvertreter für Säcke und Bäckerei-Abfälle. Er startet mit einem gemieteten Lieferwagen als Sackhändler. |
| 1953 - 1960 | 1953 kauft Heinz Looks seinen ersten Lieferwagen, einen "Tempo" (3-Rad, Tieflader, 750 kg Nutzlast). Die fünfziger Jahre leiten große Veränderungen in der gesamten Wirtschaft ein. Massengüter werden zunehmend als Schüttgut bewegt, Säcke verlieren ihre zentrale Bedeutung. Gleichzeitig entsteht in Berlin durch den Viermächte-Status eine vom Umland weitgehend abgetrennte Wirtschaftszone. Dadurch ist u.a. der traditionelle Weg von Altbrot und Bäckerei-Abfällen in die ländlichen Gebiete zur Verfütterung unterbrochen, und Berlin musste sich eigene Wege für so manche Problemlösung suchen. Damals begann man, aus Bäckerei-Abfällen bei der TU Berlin Alkohol herzustellen (Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation im Institut für Gärungsgewerbe und Biotechnologie, Seestraße im Bezirk Wedding). Die "weiße" Ware (Schrippen, Brötchen, Weißbrot etc.) wurde in den Verarbeitungsbetrieben aussortiert und zu Semmelmehl (Paniermehl) vermahlen, um dann an Lebensmittel-Handel und Gastronomie-Betreibe verkauft zu werden. Um 1960 herum gab es in Berlin 5 solcher Sortier- und Verarbeitungsbetiebe und etwa 20 Sackhändler, die den Aufkauf der Rohwaren, damals ungefähr je zur Hälfte Säcke und Backwaren, für diese erledigten. |
| 1960 - 1970 | Die sechziger Jahre brachten, auch durch den Mauerbau und die Teilung Berlins, wiederum sehr große Umbrüche mit sich. Der Aufbau des Lebensmittel-Einzelhandels in Form großer Supermärkte beginnt und Bäcker fangen an, fabrikmäßig Brot und Backwaren herzustellen und diese dann in Papier- und Kunststofftüten zu verpacken. (Alt-)Brot - Auspacken (per Handarbeit!) wurde zur neuen Herausforderung für die Sackhändler. Das Schüttgut begann seinen endgültigen Siegeszug, und Ende der 60er sind Säcke bereits als Wirtschaftsfaktor nahezu bedeutungslos. 1968 stirbt Karl Tietz, und Heinz Looks gliedert dessen Geschäft in seines ein. 1970 gab es in West-Berlin 3 Verarbeitungsbetriebe und noch 7 Sackhändler, von denen Heinz Looks mit drei LKW der größte war. |
| 1970 - 1980 | Am 02.04.1973 übernimmt Heinz Looks einen Verarbeitungsbetrieb (von Willi Hirscher) in der Freienwalder Straße, Berlin-Wedding, und wird Vollkaufmann. Sohn Michael Looks gibt sein Studium auf und tritt ins Unternehmen ein. Als Schüler hatte er bereits von klein auf das Geschäft kennengelernt, als Gymnasiast und Student dann im Akkord (per Hand) Brot ausgepackt. Im ersten (Rumpf)Geschäftsjahr verarbeitet die (neue) Firma Looks mit 5 Mitarbeitern etwa 1.500 t Bäckerei-Abfälle und erzielt einen Umsatz von 600.000 DM. 1975 werden die ersten Container und ein entsprechender LKW angeschafft. Das Unternehmen wächst in den nächsten Jahren durch Eigendynamik und Übernahmen, 1980 wird der letzte der Berliner Mitbewerber übernommen. Damit endet die Ära der Sackhändler in Berlin, der Begriff "Sackhändler" hält sich allerdings im Sprachgebrauch der Bäcker bis in die neunziger Jahre. In den 70er Jahren investiert die Firma Looks in Verarbeitungstechnik und Logistik. Das Profil wandelt sich: der Sackhandel wird komplett aufgegeben, die Abfallmengen steigen durch die Frische-Strategien und den beginnenden Verdrängungs - Wettbewerb von Handel und Industrie in ungeahnte Höhen, ab 1976 wird neben Rohstoff für die Alkoholherstellung ein Tierfutter (für Schweine) produziert, ab 1977 wird die Herstellung von Semmelmehl aus Altbackwaren verboten. Es kommen Rohstoffe aus anderen Bereichen als Brot und Backwaren dazu. Ab Mitte der siebziger Jahre fällt mehr Altbrot verpackt als unverpackt an, 1977 gibt es die erste maschinelle Lösung zum Brot-Auspacken. 1978 wird aus der Einzelfirma die Heinz Looks KG, Michael Looks wird Prokurist und führt das Unternehmen allein. 1980 verarbeitet die Firma etwa 10.000 t und erwirtschaftet 2,5 Mio DM Umsatz. |
| 1980 - 1990 | 1980 baut die Firma Looks den ersten eigenen Betrieb in der Provinzstraße, Berlin - Reinickendorf, ab 1981 wird dort produziert. Ab 1983 werden die Lieferungen zur Alkoholgewinnung eingestellt und nur noch Futtermittel hergestellt. 1984 wird aus der Heinz Looks KG die Looks Bäckerei-Recycling GmbH mit Michael Looks als Mehrheitsgesellschafter und Geschäftsführer. 1986 ist der zweite eigene Betrieb in Berlin-Reinickendorf, Blomberger Weg, gebaut und wird bezogen. Die achtziger Jahre sind geprägt von Wachstum und zunehmendem Konkurrenzdruck, der Rohstoffmarkt wird sehr umkämpft. 1988 verarbeitet Looks etwa 25.000 t Altbrot und Nahrungsmittel-Abfälle und erzielt mit 20 Mitarbeitern 5 Mio DM Umsatz pro Jahr. Im Januar 1989 stirbt Heinz Looks im 62. Lebensjahr. Er konnte leider nicht mehr miterleben, wie12 Monate später die Welt komplett verändert war. |
| 1990 - 2000 | Die 90er beginnen mit der Realisierung eines Traums für unser Land und letztlich die gesamte Welt - der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs und das vereinte Deutschland. Damit beginnt auch für die Firma Looks eine weitere Wachstumsphase. Ende 1990 wird das Trockenwerk Fehrbellin gekauft und der Betrieb 1992 von Berlin dort hin verlegt. Mit der Trocknung war nun die Firma technisch an der Spitze und bald - vorübergehend - größter Betrieb der Branche im vereinten Deutschland. 1992 wird die Tochtergesellschaft BFF Recycling & Futtermittel GmbH gegründet. Diese erwirbt einen kleinen Betrieb von der Treuhandanstalt zur Verarbeitung sterilisierungspflichtiger Lebensmittel - Abfälle (Speiseabfälle u.ä. mit Lebensmitteln tierischen Ursprungs). Ende der neunziger Jahre verarbeiten die beiden Firmen mit etwa 80 Beschäftigten ca. 120.000 t Rohstoffe pro Jahr und erzielen einen Jahresumsatz von 20 Mio DM. |
| 2001 - 2002 | Die vegangenen 20 Jahre waren für die Firma Looks, wie für viele andere Unternehmen und Branchen auch, gekennzeichnet von erheblich zunehmendem Wettbewerbsdruck und Preisverfall. Die Preise der Agrarmärkte in Europa auf dem Getreide- und Futtermittelsektor liegen um die Jahrtausendwende bei 35 bis 40% des Niveaus von 1980 (Weizenpreis 1980 = ca. 500 DM pro Tonne; im Jahr 2000 = ca. 180 - 200 DM). Nahrungs- und Futtermittel-Skandale und -Affairen von krebserregenden Stoffen über Dioxin bis BSE belasten die Märkte ebenfalls, vor allem durch die darauf jeweils folgenden voreiligen, geradezu hektischen - und oftmals unbegründeten - gesetzlichen Änderungen. Hinzu kommt eine wahrscheinlich durch die Vereinigungs-Euphorie der frühen 90er Jahre vollzogene Kapazitäts - Ausweitung der Branche, die den Druck auf den Rohstoffmärkten letztlich noch weiter erhöht hat. |
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Im Jahr 2003 schloss Michael Looks seine Betriebe und ist seither als Berater für die Trockenwerk Dretzel GmbH in derselben Branche tätig. Daneben betreibt er noch mit seinem Bruder Kai-Peter Looks Projektentwicklungen im Bereich Erneuerbare Energien sowie technische Dienstleistungen für Unternehmen. |
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Betrieb Provinzstraße 1982 Betrieb Blomberger Weg 1987
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Betrieb Fehrbellin 2001 Betrieb BFF Gräningen 2001
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Michael Looks 2003